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Tinnitustherapie mit Caroverin
Tinnitus aurium- Neue Möglichkeiten in Diagnostik und Therapie

Die Behandlung des Tinnitus aurium ist und bleibt eine unendliche Geschichte
und wird oft für alle Beteiligten zu einem crux medicorum. HNO-Nachrichten
stellt in der heutigen Ausgabe zwei gegensätzliche Therapiekonzepte
vor, die sich aber bei einer näheren Betrachtung ergänzen könnten.
Zum einen wird von der Wiener Univ.HNO-Klinik (Prof. Ehrenberger) eine
medikamentöse Therapie mit einem direkten Eingriff am vermuteten Entstehungsort
des Tinnitus den cochleär-synaptischen Schaltstellen des Innenohres
vorgestellt.
Caroverin als Glutamatantagonist-Das Wiener Konzept
Grundlagen der Therapie
HNO-Nachrichten hat sich bemüht Einzelheiten über diese noch
nicht publizierte Therapiemöglichkeit zu erhalten und stellt diese
Informationen aus Wien erstmals den Lesern vor: Der subjektive Tinnitus
entsteht nach der Wiener Arbeitshypothese in der Mehrzahl der Fälle
an der Synapse zwischen inneren Haarzellen und afferenten Neuronen. Der
Transmitterstoff an diesen Synapsen ist Glutamat. Eine Störung des
Zusammenspiels der unterschiedlichen Glutamatrezeptoren beeinträchtigt
den akustischen Informationsfluß des Innenohres, subjektiver Tinnitus
kann auf diese Weise entstehen. Eine Beeinflussung des Tinnitus kann hier
durch den Glutamatantagonisten Caroverin erfolgen. Es wird durch diesen
Antagonisten eine Normalisierung der Transmittersubstanzen im Sinne eines
tunings der Glutamatrezeptoren untereinander angestrebt. Therapieziel
ist eine Tinnitusreduktion, die für den Patienten eine Kompensation
ermöglicht. Eine placebo kontrollierte Wiener Studie zeigte, daß
mit einer einmaligen ! Caroverin-Infusion bei über 60% der behandelten
Patienten mit cochleär-synaptischen Tinnitus eine Tinnitusreduktion
von mindestens 50% der Ausgangsenergie erreicht werden konnte.
Indikationen Tinnitus und IOS
Zum Modell des cochleär-synaptischen Tinnitus gehörend, gruppiert
die Wiener Klinik, die Presbyakusis, den Hörsturz, die Lärmschwerhörigkeit,
aber besonders den Tinnitus bei normalem Gehör. Ausgeschlossen werden
Knalltrauma, Menière und Erkrankungen des Mittelohres. Ein beweisendes
Testverfahren für das Vorliegen einer cochleär synaptischen
Störung gibt es noch nicht, außer den üblichen Möglichkeiten
wie BERA, OAE und gezielter Vestibularisdiagnostik.
Vorweg gesagt, es handelt sich um eine Therapie mit einem in Deutschland
nicht zugelassenen Medikament! Keine deutsche Arzt-Haftpflichtversicherung
wird hier eintreten. Caroverin ist in Österreich als Spasmolytikum
unter dem Namen Spasmium® zugelassen und kann in Ampullenform mit 40
mg Caroverin über jede Apotheke, auch in Deutschland bezogen werden.
Der Begleitzettel nennt als Hauptindikationen die Spasmen aller Hohlorgane,
Bronchialspasmen und Gefäßspasmen(z.B.cerebrale Durchblutungsstörungen.
Die aufgeführten möglichen Nebenwirkungen sind gering, lediglich
Hautrötungen, Benommenheit und eine geringe Blutdrucksenkung werden
erwähnt. Auch die Wiener Klinik hat keine schwerwiegenden Nebenwirkungen
während der Therapie beobachtet
Praktische Durchführung
Die Applikation erfolgt als einmalige Infusion. Bei der Dosierung ist
von dem individuellen subjektiven Ansprechen des Patienten auszugehen.
4 Ampullen Spasmium® à 40 mg (= 160 mg) werden in 100ml physiologischer
NACL- Lösung langsam infundiert. -Durchlaufgeschwindigkeit 1-2 ml/min-.
Bei einer subjektiven Tinnitusreduktion wird die Infusion sofort gestoppt,
wenn keine weitere Tinnitusreduktion mehr erfolgt . Wird an diesem Punkt
weiter infundiert, könnte der Tinnitus nach Wiener Angaben wieder
zunehmen. Auch die orale Behandlung mit Spasmium oral-Kps. zur Weiterbehandlung
wird erwähnt. Eine sichere Resorption ist jedoch bei der oralen Form
nicht immer gewährleistet
Fazit
Ein interessanter
Ansatzpunkt auf der manchmal verzweifelten Suche nach einer
Behandlungsmöglichkeit bei bisher therapieresistenten Ohrgeräuschen.
Spasmium®- Ampullen liegen nun in unserer Praxis bereit und warten
auf den ersten geeigneten Patienten, der sich mit dieser
Therapie, auch mit einem bisher bei uns nicht zugelassenen
Medikament, einverstanden erklärt. Die Bereitschaft zu dieser
Therapie in unserer Praxis sollte aber nicht unbedingt ein Signal
zur Nachahmung sein. Die Entscheidung muß von jedem Arzt wohl
überlegt werden. Soll man aber warten bis eine deutsche HNO-Klinik
irgendwann einmal reagiert? Die Deutsche Tinnitusliga lehnt diese
neue Behandlungsmöglichkeit in ihrem Tinnitus-Forum bisher ab ,
vielleicht aber nur weil sie nicht rechtzeitig darüber informiert
wurde. Man kann hoffen, daß die Wiener Kollegen einen interessanten
therapeutischen Ansatzpunkt gefunden haben, der bei einer weiteren
Bestätigung seinen Weg finden wird.
Dr. Dieter Leithäuser, Warburg
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