Heinrich Schliemann - Tod in Neapel

Trojanisches Finale - Der geheimnisvolle Tod des Heinrich Schliemann -


Schatten haben Hochkonjunktur, das Vergangene ist wieder "in": Ein gutes Beispiel dafür ist das Wiederauftauchen des ´"Schatz des Priamos" im vorigen Jahr. Dieses verschollen geglaubte Kulturgut, das Schliemann 1873 in Troja fand, begeisterte bei seiner Wiederausstellung in Moskau die Weltöffentlichkeit. Das Leben und Wirken von Heinrich Schliemann hat nicht nur Generationen von geschichtsbewußten Spezialisten in seinen Bann gezogen, sein Glaube an die Realität der Homerschen Dichtung und seine geradezu besessene Beharrlichkeit, haben zur Entdeckung von Troja, der Königsgräber von Mykene und vieler anderer Stätten der Antike geführt. 

Geheimnisvoll, wie sein Wirken, bleibt auch der Tod des großen Ausgräbers am 26. Dezember 1890 in Neapel. Schliemann starb dort an den dramatischen Folgen eines Temporalhirnabzesses. Als Ursache gilt eine Wundinfektion nach einer Exostosenoperation an beiden Ohren, die kurz zuvor in Halle von Hermann Schwartze, einem Pionier der Ohrchirurgie, durchgeführt wurde. Das tägliche Bad im Meer - eine griechische Lebensphilosophie dreißig Seebäder im Jahr bewahren vor einer Erkältung, sechzig Seebäder schützen ganz davor. Schliemann glaubte fest an diese griechische Lebensweisheit. Das fast zwanghafte, wenn möglich tägliche Schwimmen im Meer zu allen Jahreszeiten wurde zu einer Marotte von Schliemann. Seine "wasserscheue" griechische Frau Sophia wurde gezwungen an diesen stundenlangen Vergnügungen im oft kalten Wasser teilzunehmen. Aus Briefen kennen wir ihre drastischen verbalen Abwehrreaktionen, die sie vor diesen ungeliebten Bädern bekundete: "Geh schwimmen und laß mich in Ruhe!" Der Reiz des kalten Wassers hat bei Schliemann die Bildung von Gehörgangsexostosen gefördert; man spricht noch heute jargonhaft von der Bademeisterkrankheit. Sekundär folgende Gehörgangsinfektionen sind im weiteren Verlauf beschrieben worden. 

Rezidivierende Ohrinfektionen 
Rezidivierende starke Schmerzen und ein zeitweiliger Hörverlust traten immer wieder auf. Den Zusammenhang nicht kennend, stand Schliemann oft um vier Uhr früf auf, nahm lange Reitwege in Kauf und schwamm stundenlang im Meer. Auch medizinisch exakt wurde das Krankheitbild beschrieben. Rudolf Virchow, der bekannte Pathologe und Universalgelehrte, begleitete Schliemann oft auf seinen Reisen und besuchte ihn an Ausgrabungsstätten. Virchow war der deutsche "Hofhalter" Schliemanns und hat entscheidend dafür gesorgt, daß die gefundenen "Schätze" vorerst nach Deutschland kamen. Während der dritten Grabungsperiode in Troja 1890 wurden Schliemanns Ohrinfektionen immer schlimmer. Er reiste nach Konstantinopel, um dort einen Otologen zu konsultieren. Virchow war über den schlechten Gesundheitszustand seines Freundes beunruhigt. Er untersuchte ihn und stellte eine obturierende knöcherne Einengung beider Gehörgänge fest. Nur Hermann Schwartze in Halle, der bekannteste Otologe seiner Zeit, könne ihm helfen. Virchow riet aber, sich nur im äußersten Notfall einem operativen Eingriff zu unterziehen. In den folgenden Monaten wurden die Schmerzen immer unerträglicher, eine zunehmende Beeinträchtigung des Gehörs stellte sich ein. Schliemann reiste deshalb Ende Oktober nach Deutschland. Optimistisch denkend wollte er Weihnachten 1890 wieder in Athen zurück sein. 

Hermann Schwartze (1837-1910) -Pionier der Ohrchirurgie in Halle. 
Anfang November traf Schliemann in Halle ein und bezog Quartier in der Krugenbergstr. 2 bei der Witwe Dr. Mathilde Götz, Mutter des Autors und Schauspielers Kurt Götz ( Film: "Das Haus in Montevideo", "Frauenarzt Dr. Hiob Prätorius" u.v.a.), die dort eine kleine Privatklinik betrieb. Hier konnte er Besucher wie Brockhaus aus Leipzig empfangen und postoperativ eine gute Pflege erwarten. Schwartze untersuchte Schliemann und riet zu einem Eingriff an beiden Ohren. Er erklärte, daß Schliemann mindestens drei Wochen "taub" sein werde und nach der Operation noch einen Monat in Halle bleiben müsse. Hermann Schwartze war der erste Vertreter des Faches Otologie an der Universität Halle. Schwartze lernte während seines Studiums in Würzburg Anton v. Tröltsch kennen, der ihn für die Otologie begeisterte. Später kam er in Berlin mit einer anderen otologischen Persönlichkeit August Lucae zusammen, mit dem er zeitlebens in einem ständigen Erfahrungsaustausch blieb. Zunächst als praktischer Arzt in Düben tätig, übersiedelte Schwartze 1863 nach Halle und habilitierte sich dort mit einer otologischen Arbeit. Neben der Medizinischen Klinik richtete sich Schwartze eine zunächst private Poliklinik mit zwei Räumen ein. Auch wenn 1864 eine neu eröffnete Universitäts-Ohrenklinik unter seiner Leitung dazukam, reichte die Kapazität von 25 Betten wegen des großen Zulaufs von Ohrenkranken aus aller Welt bald nicht mehr aus. Schwartze gehörte wegen der von ihm erarbeiteten Indikation und Technik der Mastoidektomie zu den Pionieren der Ohrchirurgie in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Die Folgen des Eingriffs - Tod in Neapel Der Eingriff fand am 12. November 1890 statt und dauerte eindreiviertel Stunden. In Cloroformnarkose entfernte Schwartze aus dem rechten Ohr drei verköcherte Wucherungen. Das linke Ohr war problematischer, da die Wucherungen mit dem "empfindlichen Knochengewebe" des Schädels verwachsen waren. Wir wissen diese Einzelheiten aus Briefen, die Schliemann aus Halle an seine Frau Sophia geschrieben hat. Schwartze habe die linke Ohrmuschel durchtrennen und wieder annähen müssen, wahrscheinlich um einen besseren Zugang zu erreichen. Die Krankengeschichte Schliemanns ist 1970 auf mysteriöse Weise aus Halle verschwunden. Wir wissen deshalb nicht, ob Schwartze auf der linken Seite neben den ausgeprägten Exostosen auch ein Cholesteatom gefunden und operiert hat. Die Abmeißelung ausgeprägter Exostosen auf dieser Seite könnten jedoch auch zu einer Duraverletzung mit nachfolgender Infektion geführt haben. 
Die postoperative Phase war ein Martyrium für den Patienten. Das rechte Ohr heilte unproblematisch ab, während die Schmerzen am linken Ohr zeitweilig eine Opium-Medikation erforderte. Der prominente Patient äußerte jetzt schon eine vorsichtige Kritik an seinem Operateur. Er schrieb an Schwartze: "Sie erinnern sich, daß der Ohrenarzt in Konstantinopel nicht das linke und nur das rechte Ohr operieren wollte, weil er fürchtete, in jenem einen am Schädel liegenden dünnen Knochen zu berühren ..., der Schmerz hat zugenommen, wie soll ich dabei Troja ausgraben?" Schliemann verließ kurz darauf gegen ärztlichen Rat Halle und reiste über Zwischenstationen in Leipzig und Berlin in einem zugigen Eisenbahnabteil nach Paris. Von hier schrieb er voller Optimismus an Virchow: "Hoch lebe Pallas Athene, ich höre wenigstens auf dem rechten Ohre wieder und hoffe, das linke wird sich auch erholen." Sein nächstes Reiseziel war Neapel, hier wollte er die neuesten Ausgrabungen von Pompeji besichtigen. 

Tod in Neapel 
Nun überschlagen sich die Ereignisse: Das linke Ohr verursachte wieder unerträgliche Schmerzen. Ein gewisser Dr. Cozzolini, offenbar eine Vertrauensperson, gab ihm eine Spritze, die Erleichterung brachte. S. besichtigte am gleichen Tage Pompeji. Am ersten Weihnachtstag verließ Schliemann am Morgen das Hotel und brach auf einer belebten Straße von Neapel bewußtlos zusammen. Er war unfähig zu sprechen, man brachte ihn in ein nahgelegenes Krankenhaus. Ohne Ausweispapiere und vorhandenes Bargeld wurde er von der Krankenhausverwaltung abgewiesen. Erst eine in der Tasche gefundene Visitenkarte von Dr. Cozzolini erklärte, daß der halb bewußtlose Mann der berühmte Archäologe Dr. Heinrich Schliemann sei. Dr. v. Schoen, ein bekannter deutscher Chirurg, der in Neapel lebte, wurde gerufen. Er führte eine Inzision am linken Ohr durch und äußerte die Befürchtung, daß wegen einer Hirnbeteiligung ein weiterer Eingriff notwendig sei. Am zweiten Weihnachtstag trat ein vollständiger Sprachverlust ein, und während ein Ärztekollegium über eine erforderliche Schädeltrepanation beriet, verlor der Patient das Bewußtsein und verstarb in den frühen Abendstunden. Neun Tage später wurde der Sarg neben einer Homer Büste in Schliemanns Athener Villa aufgebahrt. Auf dem Sarg lagen Ausgaben der Ilias und der Odyssee. Heinrich Schliemann, kurz vor seinem neunundsechzigsten Geburtstag gestorben, hatte sein Leben vollendet. 

Postskriptum: - Erinnerungen an Schliemann von Zeitzeugen: Andromache Schliemann Mélas: Das Zusammenleben mit einem so explosiven, zielstrebigen und unermüdlichen Menschen war für mich zunächst eine harte Prüfung. Während meiner Mädchenjahre weckte er mich im Winter oft schon um fünf Uhr morgens zu einem Fünfmeilenritt nach Phaleron, wo wir im Meer schwammen. Er selbst tat das täglich. Er war ein Gesundheitsfanatiker. Als bei der Taufe meines jüngeren Bruders viele Gäste feierlich in der Kirche versammelt waren, zog er plötzlich ein Thermometer aus der Tasche und maß die Temperatur des Weihwassers. Es gab eine große Aufregung, und der Priester war empört. Erst als meine Mutter beschwichtigend eingriff, galt das Wasser wieder als geweiht. Hinter Vaters anmaßenden Gebahren verbargen sich Warmherzigkeit und übertriebener Großmut, auf seine Art war er sogar bescheiden... 

Henryk Sienkiewicz: Als ich an jenem Abend in der Halle des Hotels an der Piazza Umberto in Neapel saß, wurde ein Sterbender ins Hotel gebracht. Mit nach vorn gesunkenem Kopf, geschlossenen Augen, schlaff herabhängenden Armen und aschfahlem Gesicht wurde er von vier Personen hereingetragen. Sie gingen mit ihrer traurigen Last dicht an meinem Stuhl vorbei, und nach einer Weile kam der Hoteldirektor zu mir herüber und fragte: Signore, wissen Sie, wer dieser Kranke ist? Der arme große" Schliemann!" Er hatte Troja und Mykene ausgegraben, unsterblichen Ruhm erlangt - und jetzt lag er im Sterben... 

Quellenangaben beim Verfasser 
Dr. Dieter Leithäuser, Warburg 



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