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Die Geschichte der Kehlkopfchirurgie - Ein medizinisches Abenteuer
Die Kehlkopferkrankung Friedrich des Dritten hat nicht nur den
Medizinhistoriker vielfach beschäftigt. Eine rechtzeitige und
erfolgreiche Operation hätte nach Meinung vieler das Rad der deutschen
Geschichte in eine andere Richtung wenden können. Der Berliner
Laryngologe Gerhard, der den damaligen deutschen Kronprinzen am 6. März
1873 wegen Heiserkeit erstmals untersuchte und schon früh den Verdacht
einer bösartigen Geschwulst äußerte, war keineswegs vollständig
über die große Kehlkopfchirurgie unterrichtet, die sich erst
seit anderthalb Jahrzehnten entwickelte. Wie waren die Chancen einer operativen
Behandlung in dieser Organregion zur damaligen Zeit einzuschätzen?
Recherchen zu diesem Thema geben ein widersprüchliches aber durchaus
interessantes Bild wieder.
Die Geschichte des Kehlkopfspiegels
Zur Zeit der Erkrankung des Kronprinzen im März 1887 war der Kehlkopf
noch nicht sehr lange für ärztliche Zugriffe erschlossen. Das
"verborgene" Organ, vom Mund aus ohne besondere Hilfsmittel nicht einsehbar,
war zwar schon den ägyptischen und römischen Ärzten in seiner
ungefähren anatomischen Zusammensetzung bekannt. Aber erst zu Beginn
des 18. Jahrhunderts hatte der Greifswalder Arzt Dr. Mende die Funktion
der Stimmbänder bei einem lebenden Menschen beobachtet, und zwar bei
einem Selbstmörder, der sich die Kehle durchschnitten hatte und trotzdem
noch einen Tag lebte. Wenig später hatte der englische Chirurg Lister
- erster Anwender der Äther-Narkose - daran gedacht, den Kehlkopf
mit einem Zahnarztspiegel zu beobachten. Erst dem spanischen Gesangslehrer
Manuel Garcia war es 1854 gelungen, mit Hilfe zweier Spiegel und eingespiegeltem
Sonnenlicht seinen eigenen Kehlkopf einzusehen. Einige Jahre später
wurde der Kehlkopfspiegel durch die Wiener Ärzte Türck und Czermak
unabhängig voneinander in die Medizin eingeführt. Der Streit
beider Ärzte um den Erstgebrauch des Spiegels nahm dabei groteske
Züge an und landete u. a. vor hohen Gerichten. Insider sprechen hier
vom sog. "Türckenkrieg". - Der Autor plant diese spannende Auseinandersetzung
für HNO-Spurensuche aufzuarbeiten. Mit der Einführung des Kehlkopfspiegels
verschwanden die Sonnenstrahlen zur Beleuchtung und wurden durch
künstliches Licht ersetzt.
Eine genaue Diagnostik und Behandlung von Kehlkopferkrankungen war
damit möglich geworden. Diese Erkrankungen, die bisher so oft mit
Stimmverlust und langsamen Ersticken geendet hatten, verloren langsam ihren
Schrecken und wurden in das seinerzeit aufblühende Spezialfach der
Laryngologie integriert. Im Vordergrund dieser jungen medizinischen Diszplin
standen jedoch noch nicht die Tumorerkrankungen, sondern Probleme mit Fremdkörpern
und obstruierenden Infektionen wie Diphterie. Auch die äußerst
schmerzhafte Kehlkopftuberkulose beschäftigte mit regelmäßigen
Lokalbehandlungen die Laryngologen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Heroische operative Eingriffe blieben den Chirurgen wie Billroth, Czerny
und v. Bergmann überlassen.
Tracheotomie als Voraussetzung
Prof. v. Bergmann, der von Gerhard als Konsiliarius hinzugezogen wurde,
kannte die Risiken der Kehlkopfchirurgie sehr genau, konnte aber besonders
auf dem Zugangsweg der Laryngofissur schon mehrere erfolgreiche Behandlungen
mit jahrelangen Überlebensraten vorweisen. Die ersten Versuche, den
Kehlkopf von der vorderen Halsseite chirurgisch zu erreichen, lagen zu
diesem Zeitpunkt ungefähr hundert Jahre zurück. Der Franzose
Desault hatte bei einem Patienten, bei dem ein Kirschkern in den Kehlkopf
gelangt war und die Atmung behinderte vorgeschlagen den Kehlkopf zu spalten
und den Fremdkörper zu entfernen. Die Wundärzte jener Zeit lehnten
jedoch aus Furcht vor dem unbekannten Terrain ab. Der Patient wurde seinem
tödlichen Schichsal überlassen. Desaults Landsmann Pelletan hatte
im Jahre 1788 den Kehlkopf eines Patienten gespalten, um ein Stück
Kalbfleisch zu entfernen, das zwischen die Stimmlippen gelangt war. Die
Öffnung gelang ihm, Pelletan stieß das Fleisch von unten her
mit dem in den Kehlkopf eingeschobenen Finger in den Rachen zurück.
Der Patient kam trotz des Fehlens von Narkose und Antisepsis mit dem Leben
davon. Es dauerte noch rund siebzig Jahre bis diese Operation, jetzt unter
dem Zeichen von Narkose und beginnender Antisepsis, öfters versucht
wurde. Außerordentliche Schwierigkeiten hatten sich bei den ersten
chirurgischen Eingriffen der Narkose entgegengestellt, weil das Operationsgebiet
mitten in dem Weg lag, den die narkotisierenden Stoffe auf dem Weg in die
Lungen zu nehmen hatten. Man erinnerte sich nun als einzigen Umleitungsweg
für die Narkosegase an die Tracheotomie, die bisher als Verzweiflungsoperation
von den verwegensten Chirurgen bei Verlegungen des Kehlkopfs durch Geschwülste,
Diphterie, Tuberkulose oder Syphillis durchgeführt wurde.
Eine Tracheotomie -gottähnlich oder etwas Schreckliches?
Diese Operation gereicht dem Arzt zur Ehre und macht ihn gottähnlich,
schrieb Fabricius in seinen Opera Chirurgica. Toulouse- Lautrec hielt den
großen Péan bei der Ausführung einer Tracheotomie im
Bild fest; es ist deutlich zu erkennen, daß es hier um etwas "Schreckliches"
geht.
Lange bevor man eine operative Eröffnung der Luftröhre in
Erwägung zog, beschrieb Hippokrates (De Morbis III, App.X) die
Luftnot bei einem Peritonsillarabzeß und schlug vor, in solchen Fällen
eine Hirtenflöte bis an die hintere Rachenwand einzuführen. Er
empfiehlt also eine Art Rachenintubation.
Im ersten Jahrhundert v. Chr.schlug der Römer Asclepiades
vor, bei einer bedrohlichen Halsbräune unterhalb des Kehlkopfs in
die Luftröhre einzuschneiden. Die Halsbräune, gemeint war damit
die Kehlkopfdiphterie, hat aber noch viele Jahrhunderte zu einem grausamen
Erstickungstod tausender Kinder geführt. Vorschläge zur
Schaffung einer rettenden Luftröhrenpassage waren im weiteren Verlauf
der Jahrhunderte immer wieder erfolgt, aber es waren nur Vorschläge
geblieben. Niemand hatte gewagt, sie in die Wirklichkeit umzusetzen. Der
arabischer Wundarzt Avenzoar hat den Eingriff bei einer Ziege versucht
und mit einem eingeführten Schilfröhrchen angeblich Erfolg
gehabt. Bei Julius Casserius von Padua (1552-1616) findet sich bereits
ein gebogenes Röhrchen abgebildet. Aus dieser Zeit stammt auch die
erste bildliche Darstellung einer Tracheotomie, auf dem Bild von Piero
di Cosimo(1462-1521) mit der Darstellung des Todes der Nymphe Prokidis.
Der Künstler gibt hier eine typische Tracheotomiewunde am Hals wieder.
Zwei "Giganten" der Medizin, der Italiener Fabricius (1537-1619) aus Padua
und der Vater der französischen Chirurgie, Ambroise Paré
(1509 -1590) führten die Tracheotomie in der heute fast noch gültigen
Form endgültig in das medizinische Handeln ein.
Die erste Kehlkopftotalexstirpation zu Silvester 1873.
Der Eingriff der Larxngofissur nach vorheriger Tracheotomie mit einer
Entfernung einzelner Stimmbänder wurde schon vor 1870 ohne Schwierigkeiten
mit Erfolg durchgeführt. Die Heilung war erwartungsgemäß
um so dauerhafter, je früher die Operation erfolgte und je kleiner
das Carzinom war. Man erkannte, daß trotz der noch unvollständig
angewandten Antisepsis die Kehlkopfschleimhaut eine gute Heilungstendenz
zeigte. Nach diesen Erfolgen waren einzelne Chirurgen weiter gegangen.
1870 hatte die Assistenten Billroths, Czerny und Gussenbauer, in Wien versucht
bei Hunden den gesamten Kehlkopf zu entfernen. Was zunächst unmöglich
erschien, war hier schließlich gelungen. Mit Ausnahme des Hundegebells
hatten sich alle Funktionen des Schluckapparates und der Atmung wiedereingestellt.
Am 31. 12. 1873 wagte Billroth in einer dramatischen Notoperation erstmals
die vollständige Entfernung des Kehlkopfs bei einem 36-jährigen
Patienten. Durch einen Vortrag des Billroth-Assistenten Gussenbauer auf
dem dritten Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie sind
Einzelheiten über Billroths Eingriff bekannt geworden. Als dieser
erste Patient, ein Religionslehrer, Billroth vorgestellt wurde, war das
Kehlkopfneoplasma schon weit fortgeschritten. Bei der am 27.11.1873 durchgeführten
KK-Spaltung zeigte sich eine große höckrige Geschwulst am linken
Stimmband, die eine breitflächige Ausdehnungstendenz auch in der subglottischen
Region zeigte. Eine Resektion im Gesunden war kaum möglich. Erwartungsgemäß
traten postoperativ Probleme mit der Kanüle auf, da der Ringknorpel
bei der Operation nicht erhalten werden konnte. Trotz der damals üblichen
Wundeiterung erfolgte die Heilung erstaunlich schnell. Der Kranke konnte
das Bett verlassen, der Laryngofissurspalt war bis auf eine kleine Fistel
geschlossen. Zum Jahresende verschlechterte sich der Zustand wieder mit
einer rasch einsetzenden Atemnot. Am 31.12.1873 war Billroth gezwungen,
den Kehlkopf erneut zu öffnen. Er fand, daß nun auch der Kehlkopfknorpel
infiltriert war. Nun stand zur Wahl aufzugeben oder zum ersten Male
am Menschen eine Kehlkopftotalexstirpation durchzuführen. Er ließ
den Patienten aufwachen und fragte ihn, ob er mit dem Wagnis der Totalexstirpation
einverstanden sei. Der verzweifelte Patient stimmte durch Kopfnicken zu.
Nun wurde dem Kongress-Bericht zufolge, von einem T-förmigen Hautschnitt
aus der erkrankte Kehlkopf herausgelöst und das Luftröhrenende
in den Pharynxschlauch eingenäht. Auch nach dieser heroischen Operation
erholte sich der Patient zunächst, es wurde versucht einen "künstlichen
Apparat" in das Tracheostoma einzusetzen, um eine Verständigung zu
ermöglichen. Wenige Monate nach der Entlassung verstarb der
Patient an den Folgen eines ausgedehnten Rezidivs, das eine weitere Operation
sinnlos erscheinen ließ. Die Technik der Kehlkopftotalexstirpation
wurde später durch Gluck und Soerensen auf Anregung v. Langenbecks
entscheidend verbessert. Gluck erkannte, daß unter Verzicht auf Sprechprothesen
Luft- und Speisewege voneinander getrennt werden müssen. Die Operationsmortalität
dieses Eingriffs von damals 56% auf 2 - 3% im heutigen Antibiotika-Zeit
gesenkt werden. Mein verehrter früherer Chef Prof. Fleischer
berichte mir, daß eine von ihm in Leipzig Ende der vierziger
Jahre durchgeführte Kehlkopftotalexstirpation durchaus noch eine "Sensation"
gewesen sei. Der Schrecken dieser "verstümmelnden" Operation ist bis
heute erhalten geblieben.
Dr. Dieter Leithäuser, Warburg
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